Interview mit Dr. Mathias Mertens
Der Medienwissenschaftler und die Luftgitarre.
Wie schon berichtet fiel dieses Jahr bei der deutschen Luftgitarrenmeisterschaft die starke Präsenz von Niedersachsen auf. Grund: Ein Seminar der Uni Hildesheim zum Thema Luftgitarre. Wir haben mit dem Initiator Dr. Mathias Mertens gesprochen.
Eine Vita über Mathias Mertens könnt ihr hier lesen.
Dort findet ihr auch seine Homepage, die ich sehr empfehle.
Interview:
Henna: Hallo Herr Doktor Mertens. Erst einmal danke, dass sie sich Zeit für uns nehmen. Zugegeben, Luftgitarre und Uni Seminar klingt erst mal etwas verwunderlich. Was war Ihre Motivation so ein Seminar anzubieten?
Dr. Mertens: Der akademische Grund ist, dass Luftgitarre ein perfekter Untersuchungsgegenstand ist, um die Teilhabe von Menschen an Popkultur zu untersuchen. Das alleine hätte aber noch nicht gereicht.
Hinzu kommen musste, dass ich als ehemaliger Diskotheken- und Konzert-Headbanger einen sehr starken persönlichen Bezug zu dem Gegenstand habe. Hätte es das wettbewerbsmäßige Luftgitarrenspiel schon zu meinen besten Zeiten gegeben, ich hätte bestimmt alles daran gesetzt, um nach Oulu fahren zu können. Als altem Sack blieb mir jetzt nur die Möglichkeit, Jüngere so zu beseelen, dass sie dann gewissermaßen stellvertretend all das erleben. So eine Art Ben Kenobi-Luke Skywalker-Ding.
Henna: Wie war denn die Resonanz seitens ihrer Padawane bzw. Studenten, haben sie Erfahrungen in ihr Studium einfliessen lassen können? Gab es auch Teilnehmer an der Meisterschaft unter ihnen?
Dr. Mertens: Die Resonanz war sehr gut. Es war aber nicht so, dass nur eingefleischte Luftgitarreros in das Seminar und die daran anschließende Übung geströmt wären. Die gab es zwar, die waren aber in der Minderheit. Vor allem waren sehr viele Studentinnen und Studenten da, die sich für die wissenschaftliche Betrachtung eines so “abseitigen” Themas interessiert haben. Eingeflossen ist da sehr viel musikkulturelle Kompetenz, die Menschen heutzutage einfach haben.
In der Übung kam aber auch die generelle Kulturkompetenz unserer Studentinnen und Studenten zum Tragen, die sich sehr stark auf die Performancemöglichkeiten des Luftgitarrespielens einlassen konnten. Und deshalb auch - das hat mich unglaublich stolz gemacht - sechs Teilnehmer in der Endrunde der deutschen Meisterschaft in Berlin stellen konnten, darunter den späteren 3.Platzierten.
Henna: Dieses Jahr viel es sehr auf, dass auch viele Frauen sich der Luftgitarrenjury stellten. Worin begründet sich diese positive Entwicklung ihrer Meinung nach? Trend oder Zufall?
Dr. Mertens: Es fiel deshalb auf, weil sich allein aus meinem Seminar drei Frauen am Wettbewerb beteiligt haben - und das ist kein Zufall, sondern unausweichlich bei Studiengängen, in denen 75% Frauen studieren.
Aber auch sonst halte ich das für eine logische Entwicklung. Luftgitarre im Wettbewerb ist etwas ganz anderes als spontanes Luftgitarrenspiel im Moshpit oder in der Disko. Letzteres ist vor allem ein Ausdruck von Männlichkeit, in all seinen phallozentrierten Implikationen. Luftgitarre auf der Bühne ist eine Performancekunst, die mit diesem Ausdruck von Männlichkeit spielt, ihn als Material benutzt, ausstellt, verfremdet, überzeichnet. Und das können auch Frauen, wahrscheinlich sogar sehr viel besser als Männer, die da immer eine Gratwanderung zwischen Authentizität und Rollenspiel betreiben müssen.
Henna: Was würden sie angehenden Luftgitarrenheros mit auf den Weg geben?
Dr. Mertens: Ich würde ihnen mitgeben, auf keinen Fall sie selbst auf der Bühne sein zu wollen. Das geht schief, weil man dann ständig darüber nachdenkt, ob man nun ein gutes Bild abgibt, was die anderen über einen denken, was für Konsequenzen das für später haben wird. Stattdessen soll man eine Figur entwerfen, mit der man völlig sachlich umgehen kann, deren Schwächen und Stärken man einschätzen kann und mit der man ausprobieren kann, was funktioniert und was nicht.
Und mit dieser Figur kann man prima in die Disko, ins Konzert oder auf die Meisterschaftsbühne gehen und allen zeigen, wie gut sie funktioniert. Wenn man das genau so macht, wird man eine paradoxe Erfahrung machen: Die anderen werden denken, dass man absolut man selbst ist und es richtig gut finden.















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